Aus Surava wurde die Julierbahn
Das ursprüngliche reine Zm-Projekt wurde im Jahr 2004 zugunsten einer Kombination Normalspur – Schmalspur aufgegeben. Ausschlaggebend war vor allem der Wunsch, den mittlerweile zahlreich vorhandenen normalspurigen Modellen nach Schweizer Vorbild ein wenig mehr Auslauf zu gönnen. Ein weiterer Grund war der Mangel an vorführtauglicher Zuverlässigkeit bei meinem Zm-Rohbau. Besonders die Zm-Weichen aus der ersten Generation bereiteten mir immer wieder Probleme und zeigten inzwischen erste Auflösungs- erscheinungen. Die vorhandenen technischen Mängel konnten nicht zufriedenstellend gelöst werden. Auf der Julierbahn bekommt die Spur Zm Dioramencharakter. So findet der Bahnhofsteil des Surava-Rohbaus weitere Verwendung. Ein eingeschränkter Fahrbetrieb sollte weiterhin möglich sein.
Vorbild und Fiktion
Kernstück der neuen Modellbahn ist die Nachbildung einer fiktiven normalspurigen, doppelspurigen Alpentransitstrecke. Diese verbindet die Graubünden und die Ostschweiz mit Chiavenna in Oberitalien. Genauso wie bei den bekannten Bahnen am Gotthard und Lötschberg stellte die Geografie die Ingenieure auch in Graubünden vor eine harte Probe. Ähnlich wie bei den beiden realen Alpenbahnen erfolgt der Höhengewinn der Julierstrecke mittels Kehrschleifen und -tunneln. Ergänzend erschliesst die RhB die engen Gebirgstäler Graubündens. Eine Verbindung zwischen den Bahnen besteht auf dem nachgebildeten Anlagenstück nicht. Auf der begrenzten Fläche einer Kompaktanlage ist nur ein kleiner Ausschnitt der Realität möglich. An einen normalspurigen Bahnhof oder eine offene Wendeschleife ist nicht zu denken, wenn man einigermassen vorbildorientiert bauen will.
Kehrtunnel und Steigung
Die einzigen sichtbaren Gleise der Julierstrecke sind die Abschnitte vor und nach dem Kehrtunnel. Die Illusion eines Kehrtunnels wird erreicht durch eine Gleiswendel im Berginnern mit entsprechendem Höhengewinn. So kommt die Strecke einige Zentimeter höher in der entgegengesetzten Richtung wieder ans Tageslicht. Reale Beispiele hierfür finden sich in Wassen/Gotthard und Blausee-Mitholz/Lötschberg. Mit dieser Konfiguration stehen ca. 1.6 Meter sichtbare Strecke zur Verfügung. Auch wenn dies auf den ersten Blick wenig erscheint, ist durch die verdeckten Strecken der Wendel und des Schattenbahnhofs ein lebhafter Betrieb mit vorbildgerechten Zuglängen möglich. Das Thema der Anlage wurde gewählt, um vorbildorientierten Betrieb unter Berücksichtigung des lückenhaften Schweizer Rollmaterial-Sortiments von Gross- und Kleinserie zu ermöglichen.

Das Rollmaterial
Wir waren beim Rollmaterial stehen- geblieben…
Nun, das Sortiment an Schweizer Fahrzeugen ist grundsätzlich in Ordnung, wenn man den Marktanteil bedenkt. Das Angebot von Märklin wird ergänzt durch exotische, aber auch ganz ’normale‘ Z-Modelle von Freudenreich und SZL. Eine Zeitlang fand sich auch bei Scholz ein ganz interessantes Fahrzeug. Was völlig fehlt, sind die Regionalzüge von SBB und den diversen Privatbahnen. Auch Rangierloks und Bahndienstfahrzeuge gab es lange Zeit nicht. Ich habe das Thema der Julierbahn gewählt, um das vorhandene Rollmaterial bestmöglich einsetzen zu können. Auf den Nord-Süd-Hauptachsen ist der Verkehr international, Regionalverkehr findet auf der Strasse statt. Dadurch erweitert sich das Angebot an möglichen Triebfahrzeugen genauso, wie das des glaubwürdigen Wagen- materials – egal ob Güter- oder Personenverkehr.
Die Züge
Lange Güterzüge dominieren das Bild an der Julierbahn. Container, Hucke- packverkehr, Tankzüge, aber auch Tonerde, Stahlrollen und Stückgüter werden befördert, oftmals ist eine Doppeltraktion nötig. Moderne Loks, wie die Re 460/465, der Taurus oder auch Dispoloks von Siemens (freier Netzzugang machts möglich…) haben die Ae 6/6 weitgehend aus dem schweren Dienst verdrängt. Vor Nahgüterzügen oder auch im Postdienst ist sie indes weiterhin zu beobachten, Ausnahmen bestätigen die Regel. Im Personenverkehr kommen meist Re 460 zum Einsatz, natürlich sind hier auch immer wieder die Werbeloks mit ihrem auffälligen Design zu beobachten. Weiterhin wird die Re 4/4 vor Schnellzügen und EC-Zügen eingesetzt. Was wäre die moderne Bahn ohne gelegentliche Nostalgiefahrten? Keine Bergstrecke ohne die Königin der Berge, das Krokodil! Immer wieder gibt es auf der Julierbahn Sonderfahrten mit diesen eindrücklichen Loks. Manchmal werden auch nur einfach mal ein paar wenige Güterwagen über den Berg gezogen um Standschäden zu vermeiden.
Der Fahrbetrieb
Auf den Bilderseiten ist die Streckenführung ersichtlich, deshalb gehe ich hier nur noch auf die Betriebsmöglichkeiten ein. Mir war es während der Planungszeit wichtig, ein Konzept zu erarbeiten, das die Stärken der Spurweite zur Geltung bringt und die Schwächen minimiert. Von vornherein legte ich grossen Wert auf zuverlässigen automatischen Betrieb. Mit der Einteilung in 4 Block- abschnitte und 2 Schattenbahnhof- gleise stehen 6 Meldeabschnitte zur Verfügung, pro Richtung, versteht sich. Die Faustregel für flüssigen Blockzugbetrieb ist Anzahl der Blocks minus 2 gleich Anzahl der Züge. Demnach sind also pro Richtung 3 Züge in Bewegung, einer steht im Schattenbahnhof und kann gegebenenfalls in den Zugbetrieb eingereiht werden. Erste Testfahrten ergaben reine Fahrzeiten von etwas über 2 Minuten für eine Runde. So gesehen ist also ein Ablaufturnus von über 10 Minuten möglich ohne dass Langeweile aufkommt. Ich bin gespannt, ob sich dies tatsächlich so umsetzen lässt.
Die Ausgestaltung
Das was mit der Blumendorf-Anlage begonnen wurde, sollte bei der Julierbahn fortgesetzt und weiter verfeinert werden. Angefangen mit realistischer Vegetation, über vorbildnahe Nachbildung typischer Gebäude und regionaler Eigenheiten, sowie Szenen aus dem Alltag der Bergbewohner wird eine lebendige Miniaturwelt angestrebt. Ein wichtige Faktor ist auch die Farbgebung. Grelle Farben kommen in der Realität kaum vor, Einheitsgrün genausowenig. Folglich ist für die Vegetation eine Vielzahl von Materialien notwendig. Seien es drei verschiedene Tannenarten, echtes Moos und Gestrüpp, diverse Schaumstofflocken und Streumittel – alles entfaltet seine Wirkung erst im Zusammenspiel. Felsen gehören zu den grössten Herausforderungen für den Landschaftsbauer, ich habe daher mit verschiedenen Spachtelmassen und Mischungen experimentiert. Aus den Grundzutaten Moltofill, Sand, Leim, und Zellulosefasern entstanden alle Felsen ohne grossen Nachbearbeitungsaufwand. Wie die Natur bedeutet auch die nachgebildete Bahnstrecke einiges an Aufwand. Beim Vorbild sind Schienen und Strecke immer in Brauntönen verschmutzt, von ganz neuem Schotter mal abgesehen. Bei der Julierbahn habe ich zum ersten Mal eine Airbrush zur Patinierung verwendet und kann diese Technik nur empfehlen
Das Gesamtbild
Eine Anlage dieser Grösse kann natürlich nur einen sehr kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit darstellen. Ich habe deshalb bewusst auf eine überladene Szenerie mit vielen Gleisen und Bauten verzichtet. Natur, Kunstbauten und Gebäude sollen in einem stimmigen Verhältnis stehen. Die Vorstellung, diese Anlage wäre quasi ein mit dem Spaten ausgestochenes Stück Landschaft, leitete mich beim Bau der Julierbahn. Daher enden Grundstücke, Wege und auch Schienen bewusst im Nirgendwo, in der Fantasie des Betrachters, anstatt die Anlagenkante nicht zu berühren. Symmetrien wurden bereits bei der Planung des Geländes vermieden, sie kommen ja in der Realität praktisch nicht vor. Trotzdem prägen sie hartnäckig die Gleisplanvorschläge vieler Hersteller. Die Abmessungen der Anlage und die Gleisführung im verdeckten Bereich waren die Herausforderung beim Umsetzen vom geduldigen Papier in die reale Dreidimensionalität des Modells. Auf der begrenzten Grundfläche musste natürlich beinahe alles gestaucht werden. Der goldene Mittelweg zwischen Verniedlichung und echter Nachbildung in 1:220 war das Ziel. Zum Glück lässt sich das menschliche Auge auf die massvolle Verkleinerung ein und bescheinigt der kleinen Julierbahn doch eine gewisse Weite.
Die Details
Viele Details entstanden im kompletten Eigenbau. Landwirtschaftliche Geräte, bahntechnische Besonderheiten, Brunnen waren gar nicht oder nicht in der benötigten Ausführung erhältlich, Eigeninitiative ist also angesagt und so kommen schnell viele einmalige Bastelarbeiten zustande. Diese prägen eine Anlage, machen sie einzigartig. Nebenbei bemerkt, jedes farblich veränderte Fallerhäuschen erzielt diesen Effekt genauso! Einen ganz speziellen Weg bin ich bei den „lebenden“ Ausstattungsteilen gegangen. Die ersten Figuren auf der Blumendorf-Anlage habe ich quasi nach dem Zufallsprinzip aufgestellt. Dies wird baugrössenübergreifend auf mancher Anlage so gehandhabt – bunt vor Preiserleins, aber ohne Leben. Später habe ich dann begonnen, Alltagsszenen nachzubilden. Inzwischen versuche ich mich im Geschichtenerzählen mit den kleinen Plastikfiguren. Und das ist gar nicht so schwer. Den Klassiker der Julierbahn, die vielerzählte Geschichte der entlaufenen Kuh Vreneli habe ich auf den vergangenen Ausstellungen den schmunzelnden Besuchern vermittelt. Am Anfang war die Kuh, die nach unten schaut. Warum? Weil da ein Weiderost ihrem Fortkommen ein jähes Ende setzte. Dies erforderte das Basteln eines Weiderostes – sozusagen der Beginn der Individualität des normalen Alltags auf der Modellbahn.
weiter in Kürze…

