Das erste AZL-Kunststoffmodell einer Güterzuglokomotive wurde seit langem freudig erwartet. Mit der SD70M hat man sich für eines der auflagenstärksten Vorbilder der 90er Jahre entschieden. Über 1000 Loks dieses Typs verliessen die Werkhallen der EMD. Obwohl die SD70 mit 4000 HP nur wenig stärker als Vorgängertypen war, überzeugte sie mit ihren neu entwickelten, radial einstellbaren Drehgestellen in Laufruhe, Adhäsion und Verschleiss. So konnten diese Maschinen in Dreifachtraktion die Leistung von 5 SD40-2 erfüllen. Auch heute gehören die Loks zum festen unverzichtbaren Bestand der Union Pacific und anderer Gesellschaften.


Auf Railpictures.net findet man dieses gelungene Foto einer UP-SD70M. Und hunderte weitere...



Der Schnappschuss gelang in der Nähe von Grison Siding, als eine einzelne SD70M mit einem Leerzug aus Cylindrical Hoppern unterwegs war.



Was heute im Formenbau und Detaillierung möglich ist, demonstriert eindrucksvoll das Kunststoffgehäuse von AZL. Jedes Detail ist absolut konturenscharf und grössenrichtig wiedergegeben. Auch die schönen aber kostspieligen Metallmodelle der Firma können da nicht mithalten!



Licht und Schatten liegen nah beieinander: Die vorzüglichen Konturen und Details begeistern, die speckigen Drehgestelle werfen Fragen auf. Warum sind die wohl aus solch glänzendem Material gemacht? Kleiner Schönheitsfehler am Fenster des Führerstands, da ist beim Einbau nicht alles optimal gelaufen und die Endkontrolle hat den millimetergrossen Fehler übersehen.



Einige Worte auf dem weissen Schild sind lesbar, aber nicht alle. Schrifthöhe: 0.1 mm! Wir sind im Grenzbereich angekommen... Das Geländer sieht grob aus, ist es aber nicht. Es ist geätzt, ca. 0.3mm dick und erstaunlich stabil.



So kommt die Lok aus der Verpackung. Die Frontschürze ist offen, die Kupplung leicht abnehmbar am Drehgestell befestigt und somit schwenkbar. Auf engen Radien sicher zu empfehlen. Auf die komme ich nachher aber noch zurück...



Mit Schürze und Schneepflug sieht das schon ganz anders aus. Und noch ein Klecks silberne Farbe auf die Ditchlights, schon sieht das noch viel besser aus. Kupplungen: Hier vertraut AZL auf eine MTL-kompatible Eigenkonstruktion, die sicher billiger ist. Schöner ist sie nicht, betriebssicherer auch nicht und eine von meinen ist schon nach 3 Kuppelvorgängen defekt.



Gehen wir mal unter die Haube...
Das Gehäuse lässt sich leicht abnehmen ohne jede Zerstörungsgefahr, bravo. Die Konstruktion ist typisch für US-Modelle. Chassis längs zweigeteilt. Elektrik kommt ohne jedes Kabel, aber mit einigen federnden Kontaktpunkten aus. Kraftquelle ist ein Schweizer Glockenankermotor mit 8 mm Durchmesser und zwei Schwungscheiben, die Auslauf verheissen. Von den Wellenenden geht es via Silikonschläuche auf die Messingschnecken und dann direkt auf die Drehgestelle. Sollte eigentlich eine simple, gut funktionierende Lösung sein. Leider scheint die Lagerung der Schnecke nicht so leichtgängig zu sein, wie es ideal wäre. Fakt ist, dass die Lok keinerlei Dynamik hat. Sie ist langsam, weil der Motor sich quält, kein Auslauf, kaum Kraftreserve. Dieser Motortyp beweist in einigen anderen Modellen Zugkraft und Kultur, hier wirkt er einfach nur schwach. Im Kurvenradius 195mm muss man fast voll aufdrehen um angemessenes Streckentempo zu halten, hier quält sich der Antrieb noch mehr, muss diesen Widerstand auch noch überwinden. Grosse Radien machen also nicht nur optisch Sinn. Ich würde beim Antrieb eine Nachbesserung empfehlen.



Das Chassis von oben zeigt die zweigeteilte Lösung, die mit Plastikklammern zusammengehalten wird. Ist konstruktiv sauber, aber beim Zerlegen ein Alptraum... Die Platine ist gesteckt und trägt LED mit ordentlicher, aber gelber Lichtabgabe. die Kontakte für Decoder sind bezeichnet und mittels Brückenstecker verbunden. Nun fehlt also nur noch ein Decoder mit max 7.5 mm Breite. Den gibt es bei Uhlenbrock - ich hoffe er kommt mit dem Antrieb klar...



Auch der Tank ist zweigeteilt und mit sehr brüchigen Klammern zusammengesteckt. Offensichtlich der falsche Kunststoff. Warum der Tank nicht ein Teil ist, das man von unten aufsteckt, weiss wohl nur der Konstrukteur. So ist Ärger garantiert beim dritten Auseinanderbau - aber davon wird auch in der Bedienungsanleitung abgeraten. Diese ist übrigens sehr ausführlich und mit allen Ersatzteilnummern ausgestattet, sehr gut! Was die Pfeile bedeuten? Die zeigen auf die Haftreifen. Ja, richtig: Haftreifen serienmässig und zwar so wie unten angeordnet. Das ergibt eine Zugkraft, die zwischen hundert und null je nach Streckenbeschaffenheit schwankt. Diagonal versetzt - so wie beim oberen Modell - ergibt das eine schöne gleichmässige Zugkraft und guten Kontakt, so sollte das ab Werk sein.
Apropos Zugkraft...Ich bin erstaunt, was man hier rausholen kann, bzw. selbst muss! Die mittlere Achse ist nicht angetrieben, steht aber in gleicher Ebene wie die anderen - kein Höhenspiel. In der Praxis bedeutet das massiven Zugkraftverlust bei jeder Unsauberkeit im Gleis. Beim provisorischen Übergang von Peco auf MTL-Bettungsgleis entsteht z.B. solch eine Kuppe. Die Lok bleibt dort mit 6 Wagen hängen. Ich habe dann der mittleren Achse einen halben Millimeter Höhenspiel gegönnt, die Kleinbohrmaschine macht es möglich. Ergebnisse sind: Besserer Gleiskontakt, bessere Traktion, höhere Entgleisungssicherheit.



Dann habe ich sie noch gewogen: 40 Gramm = Leichtgewicht. Schwere Märklinloks kommen da auch in die Nähe, die Metallmodelle von AZL drücken mindestens 20 mehr! Man hätte 10 Gramm sicher ohne Probleme noch reinkonstruieren können, aber es geht auch so, denn dann hat sie noch...



...richtig, gezogen! Und zwar nicht zu knapp. Haftreifen und Feintuning sei Dank. Der Zug auf dem Bild hat 180 Achsen und wurde anstandslos befördert ohne Traktionsprobleme! Die Grenze setzt definitiv der Antrieb, der für solche Kraftakte nicht genügend Durchzug hat. 200 oder 220 Achsen hätte ich auch noch dranhängen können bei genügend Horsepower. Fazit: Sehr schönes Modell mit technischen Unzulänglichkeiten. Bitte nachbessern und wir haben eine Top-Lok!



Wie kann man dem Motor die Müdigkeit nehmen? Ich habe die Lok stromtechnisch mal durchgemessen. Ab Werk zog sie bis zu 130 mA und unter Stellung 150 auf dem M-Fahrgerät war kaum Vortrieb zu verspüren. Das Gehäuse erwärmte sich nach wenigen Minuten Laufzeit. Keine guten Vorzeichen für eine lange Motorlebensdauer...
Mit einem Trick kann man diesem Trauerspiel ein Ende setzen! Dazu muss man die Lok öffnen, am besten auf einer hellen sauberen Arbeitsfläche. Gehäuse abziehen, Platine abziehen, die Kunststoffklammern am Chassis ausrasten und entfernen, die Rastösen am Tank ganz wenig aufbiegen und ausklinken, dann die Chassishälfen vorsichtig auseinandernehmen. Bitte unbedingt auf die Kleinteile achten! Mit einer Pinzette die Schnecke samt Welle und Lagerblöcken vorsichtig vom Silikonschlauch abziehen. Dann den motorzugewandten Lagerblock inkl. Messinglager entfernen. Zusammenbau in umgekehrter Reihenfolge ohne das innere Lager.
Wie fährt die Lok jetzt? So wie man es eigentlich erwartet hätte! Sanftes, frühes Anfahren, geschmeidiges Beschleunigen, Höchsttempo entsprechen der bekannt guten Microtrains GP35 - einer Multitraktion steht nichts mehr im Weg! Der Ampèremeter zeigt was ich vermutet habe: 40 - 50 mA bei schneller Alleinfahrt, 60 - 65 vor den 180 Achsen. Keine Erwärmung, keine unangebrachten Geräusche und endlich nicht das Gefühl der angezogenenen Bremse. So macht die SD70 Spass!