Die preussische T 12, spätere Baureihe 74.4 -13 ist ein echter Oldie im Programm von Märklin. Die 8895 kam im Jahr 1976 erstmals in das Z-Programm der Göppinger.
Seiher gab es zig Varianten dieses preussischen Lok-Klassikers. Allen gemeinsam ist eine gewisse "Bulligkeit", die insbesondere das Führerhaus betrifft. Der stehende Standardmotor ist der Grund - und dieser findet sich auch in der neuesten Auflage mit der Bestellnummer 88955. Bei den Proportionen waren immer auch im Fahrwerksbereich Kompromisse zu machen: Wirkt die Vorbildlok eher frontlastig, ist dies bei den 74er-Modellen genau umgekehrt - hier ist der Hecküberhang etwas zu gross und die Vorlaufachse sitzt etwas zu weit vorn.
Genug der Therorie, schauen wir uns die verschiedenen Generationen mal an.
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Links eine uralte 8895, welche seit vielen Jahren in meinem Fuhrpark ist. In der Mitte eine 8895 aus dem Jahr 2006 mit dunklen Rädern und Fünfpolmotor. Ganz rechts die 88955 aus aktueller Produktion. Beide 8895 mussten schon einige Änderungen über sich ergehen lassen. Die 88955 ist im Ausleferungszustand.
 
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Das alte Schätzchen: Hier war der Fahrwerksbereich mit Ausnahmen der Werkzeugkästen unter dem Tenderrucksack komplett in schwarz und wurde von mir rot lackiert - oder besser gesagt, angemalt. Nachrüstpuffer aus Messingguss, Vorbildkupplung und Bremsschlauchnachbildungen ergänzen die Stirnseite. Mittlere und hintere Kuppelachse sind mit zwei geätzten Kuppelstangen verbunden. Der Luftkessel, der nur seitlich angedeutet ist, wurde aus einem Spritzlingsrest geschnitzt. Der seltsame Blech-Kupplungshaken musste weichen. Im übrigen ist die Lok digitalisiert und dank einigen Ballastgewichten dennoch über 30 Gramm schwer.
 
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Auch beim 2006er Modell wurde nachgebessert. Besonders augenfällig ist hier das selbst gefertigte Vorlaufgestell, das die erste Achse etwas nach hinten nimmt.
So kommt das Modell etwas kopflastiger daher. Der komplettierte Luftkessel verstärkt dies noch. Die Puffer sind hier gedrehte Messingteile mit richtiger Länge und Durchmesser.
Das Fahrwerk bekam wieder sein Rot verpasst.
 
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Das Modell 2017: Hier hat sich doch einiges getan! Das Fahrwerk ist ab Werk rot. Es gibt nun Bremsen und die Detailsteuerung ist inklusive neuer Zylinder nun auch angekommen. Die Puffer haben die annähernd vorbildrichtige Grösse und rote Hülsen. Vorne hat die Systemkupplung an einem neuen Vorlaufgestell Einzug gehalten und dies bringt leider auch einen dicken Minunspunkt: War der Luftkessel bisher zumindest angedeutet, so ist er nun ganz verschwunden. Paradox: Bisher hatten wir den Kessel für die Bremsluft aber keine Bremsen, jetzt sind die Bremsen dran, aber die Luft dafür fehlt...
Die neue rote Getriebabdeckung mit den Bremsnachbildungen bringt leider auch den gut sichbaren und klobig wirkenden Kasten für den Kupplungschacht mit sich.
Bei den Vorbildloks ist unter dem Tender praktisch nur Luft...
Statt des Generators sitzt nun eine Glocke hinter dem Schlot auf dem Kesselscheitel, was absolut vorbildgerecht ist. Der Generator fehlt nun aber, ebenso wie die gleichfalls nicht mehr nachgebildete Pfeife. Diese gehörte grundsätzlich auf das Führerstandsdach und der Generator seitlich unter den Schlot.
Das Finish der Lok ist tadellos und die Anschriften sind erstmals vollständig und in hoher Qualität wiedergegeben.
 
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Die drei von vorn: Die Luftkessel prägen das Gesicht der 74 sehr. Die neueste Version hat da, wie gesagt, gar nichts zu bieten - dafür als einzige Schienenräumer. Diese sitzen aber am Vorlaufgestell und damit an der falschen Stelle. Die Schienenräumer gehören vorbildgerecht unter die Pufferbohle, was ich bisher auch noch nicht nachgebildet habe. Bei den Lampen ist es immer die gleiche Frage - Funktion oder vorbildgerechtes Aussehen. Die weiss hervorgehobenen Reflektoren der linken Lok sehen auf Fotos mit Abstand am schönsten aus. Bei der mittleren habe ich die "Lampengehäuse" innen weiss lackiert und dann die originalen Lichtleiter montiert. Der Effekt ist mässig, aber etwas besser als der farblose Originalzustand.
Bei allen Loks sind die Frontfenster der Führerstände nicht nachgebildet, was aus dieser zugegeben im Alltag unüblichen Perspektive doch sehr auffällt.
 
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Die Heckansicht zeigt eine gewisse Wuchtigkeit, was in der Überbreite und -höhe begründet ist. Bei der mittleren Lok entsteht fast der Eindruck eines Schmalspurfahrzeugs.
Die Laternen sind bei allen Varianten nicht beleuchtet. Links selbst nachgebessert, in der Mitte und rechts im Lieferzustand. Die weissen Farbkleckse auf der aktuellen Lok erinnern an manche Dampfloktender aus der Chinaproduktion. Viel zu gross und viel zu dick aufgetragen. Schwach strukturiert zeigt sich der Kohlehaufen. Das war schon immer so und wird sich auch kaum jemals ändern.
 
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Die fetten weisen Kleckse nerven mich echt. Immerhin sind die Lampengehäuse jetzt komplett schwarz und nicht halb rot, was sicher nicht einfach war. Umso unverständlicher, dass man sich beim Reflektor keine Mühe mehr gab. Noch einige Worte zur Kupplung: Die Halterung sitzt schon immer "janz weit draussen", also noch hinter der Pufferbohle. Also sind es zu den Puffern des folgenden Fahrzeugs teilweise 10 mm Abstand! Mit einer der neuen kurzen "Hummerscheren" hätte man dies zumindest leicht korrigieren können...
 
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Das Innenleben unterscheidet sich durch eigene Umbauten, aber auch ab Werk. Die Grundfarbe des Chassis ist nun rot. Statt nachgerüsteter LED-Beleuchtung ist diese nun serienmässig.
Die Selenscheibe zur Entstörung wird nun durch eine kleine Platine ersetzt. Der mittlere Metallblock mit Gewinde wurde immer nur für die BR 24 benötigt, mit der sich die 74 das Chassis teilt.
Die Motorengenerationen unterscheiden sich in der Laufkultur nur marginal. Der Dreipoler ist etwas lauter als die beiden neueren Motoren. Die neueste Version des Motors braucht ungefähr ein Drittel weniger Strom als der alte Fünfpoler und liefert dafür gefühlt auch nur zwei Drittel der Vmax. Von wirklich besserer Regelbarkeit kann man aufgrund des nach meinem Empfinden geringeren Drehmoments zumindest mit einem herkömmlichen Fahrregler nicht sprechen.
 
Was spricht nun dafür, sich eine neue 74er zuzulegen? Das Modell fährt schön und die Detailsteuerung ist mit den roten Fahrwerksteilen definitiv eine starke Verbesserung. Das neue Vorlaufgestell wendet sich an die Betriebsbahner ist aber ein Teil "von der Stange", welches zur 74 nicht ideal passt. Lackierung und Bedruckung sind auf neuestem Stand und tadellos.
Die rückwärtigen Stirnlampen sind schlecht gemacht. Das Modell ist insgesamt nicht mehr taufrisch und kann dies auch in der 2017er Version nicht verheimlichen.
Überarbeitete Modelle beschreiten immer eine Gratwanderung und bedienen sich an vorhandenen Bauteilen. Die Investitionen müssen sich rechnen und werden dafür überschaubar gehalten.
Ich werde mein Modell in die Finger nehmen und versuchen, die Schwachpunkte so gut wie möglich zu beseitigen. Der Bastelspass spricht also doch eindeutig FÜR das Modell...