Die Challenger von AZL


Das Vorbild des Z-Modells, die ölgefeuerte, mit Windleitblechen versehene und im Anstrich für den Portland Rose Zug lackierte Challenger der Union Pacific in North Platte, Nebraska. 1936 wurden die ersten "Herausforderer", so die deutsche Übersetzung von "Challenger", ausgeliefert. Neu war die Achsfolge 2C'+C'2 oder 4-6-6-4 nach gebräuchlichem US-Schema. Die riesigen Mallets waren konzipiert um lange und schnelle Züge allein über weite Strecken zu befördern. Speziell die Union Pacific hatte grossen Bedarf an dieser Loktype und orderte bis zum Jahre 1944 insgesamt 105 Exemplare der über 30 Meter langen Maschinen. Eine Lok befindet sich noch heute in betriebsbereitem Zustand und gilt als grösste einsatzfähige Dampflok weltweit.

 


Modell, oder Vorbild? Zugegeben, die breiten Laufflächen der Vorlaufachsen entlarven das Modell und ordnen es einer der kleineren Baugrössen zu. Die sonstige Detaillierung ist über jeden Zweifel erhaben und stellt einen Höhepunkt der Modellbaukunst dar. Ajin aus Südkorea baut die Modelle für AZL in Handarbeit aus Materialien wie Messing und Neusilber. Trotz aller Feinheit ergibt sich so eine robuste Ausführung des Modells, die auch Anlagenbetrieb ohne Abstriche und Angstschweiss zulässt.

 


In der direkten Seitenansicht kommt die enorme Länge von 17.8 Zentimetern voll zur Geltung. Dass das Modell 119 Gramm wiegt, ist zwar hier nicht sichtbar, aber totzdem glaubhaft.

 


In der Nahaufnahme zeigen sich die Details, die das Modell im normalen Betrachterabstand äusserst filigran wirken lassen. Griffstangen und Leitungen sind weitestgehend freistehend und separat angesetzt. Der "Kuhfänger" ist durchbrochen und wirkt sehr fein. Der grosse Scheinwerfer ist schön nachgebildet aber leider unbeleuchtet. Angesichts des Preises des Modells ein durchaus diskussionswürdiges Versäumnis.

 


An der Steuerung finden sich mehr bewegliche Teile, als bei Z-Modellen sonst üblich. So funktioniert die Gegen- kurbel mit der Schwinge sehr schön. Beweglich sind auch die Dampfleitungen zu den Zylindern. Deren Gelenke neigen in engen Radien dazu, sich auf die falsche Zylinderseite zu begeben, so auch auf den meisten Bildern. Beim Fotografieren war es mir dummerweise nicht aufgefallen... Die vordere Antriebseinheit ist nicht angetrieben, sämtliche Räder bewegen sich aber zuverlässig.

 


Das gleiche filigrane Bild bietet auch der hintere Teil der Lok mit verschiedenen Leitungen und Griffstangen. Vorbildgerecht wie bei echten Mallets befindet sich die hintere Antriebsgruppe starr unter dem Kessel. Gerade noch zu erahnen ist das Antriebszahnrad über der mittleren Kuppelachse.

 


Der siebenachsige Öltender beeindruckt mit unzähligen Nietennachbildungen und einer feinen Ausarbeitung des Fahrwerks. Auch hier sind Leitungen und Griffe fein und trotzdem stabil angesetzt. Zu gefallen vermag auch die überaus scharfe Bedruckung. Lok und Tender sind fest miteinander verbunden - mechanisch und elektrisch. Übrigens hat man dem Tender eine bei Rückwärtsfahrt sichtbare Beleuchtung spendiert, warum auch immer...

 


Detailfülle am Führerhaus: Leitungen und Griffe sind perfekt, man beachte den kleinen Griff an der Dachvorderkante! Auch die Inneneinrichtung des Führerstands wurde angedeutet, obwohl sie kaum zu erkennen ist. Der gewisse Abstand zwischen Lok und Tender ist den Modellbahnkurven geschuldet.

 


Die Oberseite des Tenders zeigt die verschiedenen Leitungen, Griffstangen und Klappen. Vorne die Einfüllöffnung des Öltanks, hinten die der Wasserbehälter.

 


Auf dem Kessel fällt der flache Doppelkamin sofort ins Auge. Auch Sandkästen und Dampfdome schmiegen sich recht eng an den riesigen Kessel um das Lichtraumprofil einzuhalten.

 


Die Lokführerseite zeigt das gleiche perfekte Bild.

 


Um die siebzehn Achsen zu dokumentieren, habe ich den Scanner benutzt. Wenden wir uns mal der Technik zu: Fünf Achsen nehmen Strom auf. Die hinteren Antriebsachsen und zwei Tenderachsen. Da eine Antriebsachse mit Haftreifen versehen ist, bleiben also vier Achsen übrig. Das ist nicht viel und die Lok deshalb kein Kontaktwunder. Dank grossem Gewicht und flexiblem Fahrwerk meistert sie meine Teststrecke mit Weichen ohne Kontaktbleche am Herzstück problemlos. Daran hat auch die weitere Technik ihren Anteil. Der Antrieb mittels Maxon-Motor und Schwungmasse garantiert einen merklichen Auslauf und macht die Lok schliesslich doch recht zuverlässig. Im Bild deutlich sichtbar sind die grossen Zahräder auf den Antriebsachsen, die fast den Durchmesser der Räder haben. Dies ist bei Nachbildungen z.B. von Bahnübergängen zu beachten. Weiterhin sollten die Gleise sauber sein, damit kein Schmutz in das nach unten offene Getriebe eindringt.

 


Zwei, die man eigentlich nicht vergleichen kann: Gegenüber der Märklin-Mikado wirkt die Challenger wie aus einer anderen Welt. Grösse, Gewicht und Detaillierung sprechen eine deutliche Sprache. Da kann auch die verfeinerte SOO 1003 nicht annähernd mithalten. Was man aber auch sagen muss: Das hohe Niveau der Challenger hat auch seinen Preis! Das hier gezeigte Modell kostet um die 1700.- Euro, wofür man 8 bis 10 Mikados bekommen würde...

 


Nach dem Preisschock kommen wir noch zu den fahrtechnischen Eigenschaften des Modells. Das Bild zeigt die Lok auf dem 220 Millimeter-Radius. Den sauber zu durchfahren ist problemlos möglich. Darunter sollte man nicht gehen, da dann akute Entgleisungsgefahr besteht. Zudem stösst der Tender an das Führerhaus. Optisch ist der 220er eine Katastrophe und selbst auf dem 490 mm-Weichengegenbogen sieht die Lok nicht elegant aus. Ein Grund dafür ist die Vorbildtreue des Fahrwerks mit der fest gelagerten hinteren Antriebsgruppe. Fährt man in eine Kurve, zeigt der Kessel solange mehr oder weniger geradeaus, bis die erste der hinteren Treibachsen in die Kurve einläuft. Daraus ergibt sich dann ein grosser Überhang des vorderen Kesselteils. Vorbildgerechte Radien wären also für den Betrieb des Modells ideal.

 


Schwere und schnelle Züge waren das tägliche Brot der Vorbilder. Diese auch im Modell zu ziehen, das habe ich hier versucht. Mit einem normalen Märklin-Fahrgerät lässt sich die Lok allein gut regeln. Sie fährt sanft und langsam an, lässt sich dann über den ganzen Reglerweg sehr gleichmässig bis zur moderaten Höchstgeschwindigkeit beschleunigen. Antriebsgeräusche sind kaum zu vernehmen, die Lok taumelt nicht, alle Achsen laufen rund. Auffallend sind gelegentliche stärkere Vertikalbewegungen des vorderen Kesselteils, die auch wieder der Vorbildlichkeit des Fahrwerks entspringen. Läuft die erste der hinteren Treibachsen auf eine Unebenheit im Gleis, so wird diese auf den Kessel übertragen. Ich will das nicht dramatisieren, denn bei ordentlich verlegten Schienen fährt die Lok überaus ruhig und sauber.

 


Zu guter letzt die Zugkraft: Die Wagenschlange im Bild besteht aus 33 Wagen, alle mit MTL-Drehgestellen. Der Zug mit einem Gewicht von ca. 430 Gramm wurde in der Ebene leicht schleudernd befördert und darf als maximale Anhängelast gelten. 40 Wagen gingen nicht, mit 30 war die Lok souveräner unterwegs. Das Tempo reduzierte sich nur leicht. Da der Motor ein gutes Drehmoment hat, fährt die Lok auch mit Anhängelast früh an. Bei zu grosser Last drehen die hinteren Treibachsen durch, die vorderen bewegen sich nur mit der tatsächlich gefahrenen Geschwindigkeit. Die Zugkraft in Rückwärtsfahrt beträgt ca. 10 Wagen weniger, was wohl mit der Entlastung der Antriebsachsen zu tun hat. Die Zugkraft des Modells darf abschliessend als knapp ausreichend bezeichnet werden. Für den Anlagenbetrieb ordentlich, für vorbildgerechte Züge zu wenig. Drei angetriebene Achsen von siebzehn bedeutet, dass vierzehn Achsen mitbewegt werden wollen! Das Reibungsgewicht dürfte bei 30 - 40 Gramm liegen, so dass hier trotz zweier Haftreifen die Traktion technisch begrenzt ist. Mein Fazit, welches meine ganz persönliche Meinung wiedergibt: Die Challenger ist ein Kleinod der Modellbaukunst. Ich wage zu behaupten, dass sich die Lok in 1:220 nicht besser wiedergeben lässt. Die technischen Eigenschaften ordnen sich dem teils unter - gut für Modellfotografen, gut für Vitrinenbahner, schlechter für Betriebsbahner. Die Lok fährt schön, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Sie ist sicher keine Lok für den Alltag, eher eine, die "man Sonntags mal rausholt". AZL wollte ein optisches Highlight schaffen und keine technisch perfekte Zugmaschine, dass muss man in Kauf nehmen.